Interview mit Paradise Lost

  • "Die Gigs mit Ozzy waren der Wahnsinn"

    Als ich früh morgens ins Büro von Century Media rein schneie, ist noch nicht viel los - mir wird erst einmal ein Kaffee angeboten. Als ich etwas befremdet auf die rosafarbene Tasse schaue, macht mir der Blick auf die Alternative (die Tasse vom Kollegen, die schon seit der Wiedervereinigung nicht mehr gespült wurde) klar, dass rosa doch gar nicht so schlecht ist.


    Allerdings lässt mich die Aussage von Promoter Gerrit, dass es sich bei Nick Holmes und Greg Mackintosh um zwei ausgesprochen lustige Vögel handeln soll, ein wenig am Verstand des Mannes zweifeln. Paradise Lost als Spaßvögel? Habe ich da was verpasst? Ganz offensichtlich, denn als ich wenig später (mit der rosa Tasse in der Hand), den Raum betrete, in dem Sänger Nick Holmes auf mich wartet, begrüßt der mich trotz der frühen Tageszeit und der etwas unruhigen Nacht in der Nähe des Hotellifts mit einem breiten Grinsen, nachdem er die Tasse gesehen hat.


    Hey Nick, Gerrit bat mich, dich direkt mal nach der "In Dub"-EP zu fragen, da du dich gestern darüber beschwert hast, dass man euch nur auf eure alten Scheiben anspricht.


    Hahaha, das stimmt. Wieso gerade auf die "In Dub"-EP?


    Weil ich die auch noch als Vinyl daheim habe.


    Ah, ok. Das ist nach wie vor eine gute Scheibe, die inzwischen recht schwer zu bekommen ist. Das war die erste EP, die wir aufgenommen haben und die war richtig laut, hahaha. Das ist auf Vinyl immer so eine Sache. Aber ich finde das Teil nach wie vor klasse. Die müsste inzwischen sogar einiges wert sein.


    Hm, muss ich gleich mal auf ebay checken, hahaha. Aber wie ich mich kenne, behalte ich das Teil sowieso. Aber zum Thema, ich bin ja froh, dass es euch nach wie vor gibt.


    Was? Wieso? Gab es irgendwelche Gerüchte, von denen ich wissen sollte?


    Glaube nicht, aber nachdem euer erstes Album "Lost Paradise" hieß und euer letztes "Paradise Lost" hätte man ja vermuten können, dass sich da ein Kreis schließt.


    Ach so, nö, das ist doch noch lange keine Grund, sich aufzulösen, hahaha. Man kann doch nicht planen, wie lange man als Band noch weitermachen will. Ok, eigentlich kann man das natürlich schon, aber wir machens wohl noch eine Zeit lang, und irgendwie mussten wir die Scheibe doch nennen. Da ist uns wohl nicht viel eingefallen, und deswegen hieß sie eben "Paradise Lost".


    Alles klar. Und was ist mit eurem Drummer Jeff Singer? Ist der jetzt fest in der Band?


    Ja, auf jeden Fall. Wir haben mit ihm das letzte Album aufgenommen und haben anschließend unsere Tourneen begonnen, um mal zu sehen, wie wir mit ihm zurecht kommen. Das hat letztendlich super funktioniert, aber wir wollten anfangs eben ein wenig vorsichtig sein. Es kommt ja immer wieder vor, dass sich jemand, mit dem du dich anfangs hervorragend verstehst, sich letztendlich als ein totales Arschloch rausstellt. Aber mit Jeff ist das echt super, er fügt sich klasse bei uns ein. Jeff hat ja auch schon damals bei uns vorgespielt, als wir uns für Lee entschieden haben. Jeff hat den Job damals nicht bekommen, weil sein Drumset genau die selbe eklig pinke Farbe hatte wie deine Kaffeetasse, hahaha.


    Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?


    Doch, absolut! Also hör mal, wie sind eine Gothic Metal-Band und dann kommt da einer mit einem pinkfarbenen Drumset an? Das geht doch gar nicht. Heute lachen wir über die Story, aber Jeff war damals ziemlich angepisst, hahaha. Als Lee uns dann verlassen hatte, stand er aber gleich wieder bei uns im Proberaum und hat den Job ja jetzt auch bekommen. Als Drummer war er auch schon das erste Mal toll, aber die Farbe ... das ging gar nicht. Seltsam, denn eigentlich ist Lee so was wie der größte Glamrocker aller Zeiten, das Drumset hätte eher zu ihm gepasst, als zu Jeff.


    Ich habe mal gelesen, dass Lee meinte, er hätte sich nie wirklich als Teil der Band gefühlt.


    Ne, hat er auch nicht. Ich meine, hallo, er war ein Glamrocker! Wie soll er sich da als Teil einer Gothic Metal-Band fühlen? Das passt nun mal irgendwie nicht zusammen. Er hatte eine ganz andere Einstellung zum Leben und zur Musik, und auch was den Humor und solche Sachen angeht, hat es nie wirklich funktioniert. Er hat echt versucht, mit uns klarzukommen, was bestimmt auch nicht immer einfach ist, aber es hat auf Dauer einfach nicht funktioniert. Gegen Ende wurde es dann richtig schwierig, zusammen noch auf einen arbeitstechnischen Nenner zu kommen. Das ging dann nicht mehr. Ich meine, was erwartest du denn? Lee ist so ein Strahlemann, der war die ganze Zeit so fröhlich und immer gut drauf. Das kotzt einen irgendwann einfach an, hahaha.


    Meine Fresse ... kommen wir zur CD. Nach den ersten Durchläufen fällt auf, dass ihr soundmäßig auf "In Requiem" sehr breit gefächert zu Werke geht. "Ash And Debris" ist beispielsweise ein deutlicher Schritt back to the roots.


    Da hast du mit Sicherheit recht, wir wollten das Album wieder riff-orientierter gestalten. Die letzten Alben von uns waren eher gesangs-orientiert, und das wollten wir ein wenig ändern. Damit ist man an bestimmte Vorgehensweisen gebunden, die man bei riff-orientierten Scheiben nicht unbedingt hat. Wir wollten einfach, dass die Gitarren mal wieder so richtig schön heavy sind und knallen, ohne dabei große Abstriche in Sachen Melodie zu machen. Wir haben auch zum ersten Mal seit langem die Drums und die meisten Gitarren live eingespielt, ohne dabei groß zu editieren. Das macht das Ergebnis etwas weniger perfekt, aber dafür kraftvoller.


    "Wenn euch der Glaube an Gott glücklich macht, bitte. Das ist doch toll!"


    "The Enemy" ist eure erste Single?


    Richtig.


    Wieso ausgerechnet der Song? Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, hätte ich geschworen, dass "Unreachable" die erste Single wird.


    Hahaha, ging mir genauso, aber Century Media wollten "The Enemy" haben. Das hätte ich nie erwartet, aber wenn sie das so wollen, ok. Mir solls recht sein. Wir schreiben eh keine Singles, zumindest nicht bewusst. Wir kommen einfach aus einer musikalischen Ecke und aus einer Mentalität, bei der man nicht erwartet, dass die Musik im Radio oder auf MTV läuft. In den USA sieht das anders aus, aber wir sind nun mal eine europäische Band. Letztendlich entscheidet aber eh das Label und von daher – was solls.


    An "Prelude To Descent" fallen sofort die interessanten Gesangslinien auf.


    Ja, ich bin vor einiger Zeit über eine CD mit gregorianischen Mönchsgesängen gestolpert und war echt enorm beeindruckt davon. Greg ging es genauso, und wir waren uns sehr schnell einig, dass wir das irgendwie in einen Song einbringen wollten. Allerdings nur in der Strophe, mit einem modernen Chorus. In der Mitte der Nummer lassen wir es dann richtig krachen und haben so einen recht abwechslungsreichen Song gebastelt.


    Ich habe die Scheibe jetzt ein paar Mal durchlaufen lassen, und bisher ist "Sedative God" mein Favorit.

    Ah, ok. Den Song haben wir am Ende der Aufnahmen zu "Paradise Lost" geschrieben. Wir hatten damals keine Single, und es stand dann zur Debatte, ob wir wieder mal etwas aus den 80ern covern, aber da hatten wir keinen Bock drauf. Schließlich haben wir auf die Schnelle den Song geschrieben, und ich bin immer noch beeindruckt, wie gut die Nummer in der Kürze der Zeit geworden ist. Normalerweise schreibst du in so einer Situation keinen wirklich guten Song. Letztendlich haben wir ihn dann doch nicht als Single veröffentlicht, sondern ihn für das neue Album verwendet.


    Von der Art her erinnert er mich schwer an die "Icon" und "Draconian Times"-Sachen.


    Ja, auf jeden Fall. Cool, oder?


    Aber hallo! Der Titel des Songs klingt ja danach, als würdest du mit dem Spruch 'Religion ist Opium fürs Volk' übereinstimmen.


    Öh, ursprünglich war damit gemeint, dass, wenn man sich seinen Verstand nur genügend betäubt – mit was auch immer – man sich fühlt wie im Nirvana. Aber deine Beschreibung ist eigentlich noch besser als meine, hahaha. Die werde ich ab jetzt verwenden, danke dafür, hahaha. Aber das ist genau der Sinn von meinen Texten. Ich möchte sie so offen und interpretierbar wie möglich halten. Ich will mich nicht hinstellen und irgendwas predigen, den Leuten irgendwas vorschreiben oder meine Meinung kund tun. Ich sage doch keinem, dass er nicht an Gott glauben soll. Wenn euch der Glaube an Gott etwas gibt, dann bitte bleibt dabei. Ich finde das vollkommen in Ordnung, jeder soll tun, was ihn glücklich macht. (In dem Moment erklingt auf einmal "Temple Of Love" von den Sisters. Nick zieht sein Handy aus der Tasche, schaut kurz drauf, grinst und drückt den Anrufer weg.) Meine Frau ... die ist jetzt bestimmt stinksauer, hehehe.


    Ich nehme mal an, du bist noch länger hier unterwegs, so schnell würde ich mich an deiner Stelle nicht mehr heimtrauen. Aber zurück zum Thema. In den Linernotes auf der Promo hast du geschrieben, dass du normalerweise immer mehr Text zu einem Song hast, als letztendlich verwendet wird.


    Ja das stimmt. Aber das Gute am Metal ist, dass sich deine Texte eigentlich nicht reimen müssen, du somit also nicht auf irgendwelche Versformen achten musst. Ich versuche, mich immer so weit wie möglich der Melodie des Songs anzupassen, und dabei fliegen dann eben mal ein paar Wörter raus. Mir war es als Kind schon wichtig, dass die Lieder, die ich mir angehört habe, sowohl textlich als auch musikalisch zusammengepasst haben. Das will ich eben nun auch in unseren Songs verwirklichen.


    Hast du schon mal überlegt, die Texte in ihrer ursprünglichen Form ins Booklet zu schreiben oder online zugänglich zu machen?


    Das würde sich nicht wirklich rentieren, da es sich meist nur um Präpositionen oder einzelne Wörter handelt, die sich aus dem Zusammenhang durchaus erschließen lassen. Es ist ja nicht so, dass ich Dinge weg lasse, durch die der Sinn der Textes sich verändern würde oder besser zu verstehen wäre.


    "Mille mussten wir für seine Kommentare mehr bezahlen als Barney, hahaha"

    Auf der Promo gibt es auch einen Trailer zu einem Film zu sehen. Worum handelt es sich dabei.


    Das ist so was wie eine inoffizielle Dokumentation. Der Kerl, der das gemacht hat, ist ein großer Fan der Band, und eigentlich sollte es eine Art Doku über die Gothic-Szene werden. Im Endeffekt hat es sich aber zu einer Doku über Paradise Lost entwickelt. Für Fans von uns kann das eine ganz interessante Sache sein, aber wir hatten damit nur bedingt was zu tun. Klar, es geht um uns, aber wir hatten letztendlich keinen Einfluss darauf, was im Film landet und was nicht. Ich habe das Teil bisher noch nicht einmal gesehen, kann dir also echt nicht sagen, wie er ist.


    Wie lang hat er euch denn begleitet, und wie nah ist er euch dabei gekommen?


    Wir kennen ihn jetzt schon etliche Jahre, er ist echt ein netter Kerl. Das war also nicht irgendwie aufdringlich und penetrant, wenn er in unserer Umgebung abhing. Nach einer gewissen Zeit hatte ich mich daran gewöhnt, dass er immer mit der Kamera herum gerannt ist, da fiel einem das kaum mehr auf.


    Du hast den Film bisher also noch nicht gesehen?


    Nö, aber die anderen, und nachdem was sie erzählt haben, ist der Streifen schon in Ordnung. Es gibt also nichts, was wir in der Art nicht in der Öffentlichkeit wissen wollen oder irgendwelche peinlichen Szenen, die unsere Frauen oder Freundinnen nicht sehen sollten, hahaha.


    Schade eigentlich ... ich hab mir den Trailer angeschaut und hab gesehen, dass da eine ganze Reihe anderer Musiker sich zu eurem Einfluss auf die Musikszene und ihre eigene Musik äußern. Unter anderem sind das Barney Greenway von Napalm Death und auch Mille von Kreator.


    Ja, stimmt. Den Ausschnitt mit Barney hab ich sogar gesehen. Mit Barney verstehen wir uns sehr gut, das ist ein klasse Kerl. Und Mille hat wohl auch ein paar nette Worte über uns verloren. Dabei war das gar nicht so teuer, wir haben mussten beiden einfach nur ein paar Euros zuschieben und schon war die Sache im Kasten, hahaha.


    Wusst ichs doch, die sind alle käuflich, hahaha.


    Ja, allerdings war Mille teurer als Barney. Der macht für ein paar Euro alles, hahaha. Nein, nur ein Scherz.


    Vor ein paar Monaten kam eine DVD von euch raus, die irgendwann in den 90ern aufgenommen wurde. Was ist der Sinn solch einer Veröffentlichung?


    Frag mich nicht. Da blicke ich auch nur bedingt durch. Das war damals, glaube ich, ein Konzert für MTV. Keine Ahnung, wie es dazu überhaupt kam, und ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen, die Crowd dazu anzufeuern, "Fuck MTV" zu rufen. Seltsamerweise haben die das auch auf dem Band so gelassen, was ich nach wie vor äußerst amüsant finde. Warum das allerdings erst jetzt veröffentlicht wird, kann ich dir auch nicht sagen.


    Ja, aber das scheint gerade um sich zu greifen. Erst vor kurzem habe ich eine DVD vom Metal Church-Auftritt auf dem Dynamo 1991 bekommen. Ok, ich mag die Band, aber ich habe da nur deshalb was drüber geschrieben, weil die DVD das einzige Livedokument mit Mike Howie am Mikro ist.


    Oh, cool. Ich mag Metal Church sehr, und Mike war meiner Meinung nach der beste Sänger, den sie hatten. Aber ich schätze mal, das ist das selbe Ding wie bei uns, und die Band hatte da genauso wenig Einfluss drauf wie wir. Das macht das Label eben, oder wer auch immer die Rechte an den entsprechenden Sachen hat.


    Wenn du einen Moment oder ein Erlebnis benennen müsstest, das dich am meisten in deine Musikerlaufbahn beeindruckt oder beeinflusst hat. Was wäre das dann?


    Puh, harte Frage. Das lässt sich echt nur schwer beantworten, aber da du ja schon mit dem Dynamo angefangen hast, unser Headliner-Auftritt dort war schon ein bemerkenswertes Erlebnis. Wir haben damals vor etwa 120.000 Leuten gespielt, und das war schon der Hammer. Aber auch die Südamerika-Gigs mir Ozzy Osbourne waren der Wahnsinn. Ich meine, wir haben inzwischen mit all unseren Idolen schon mal irgendwo gespielt, und schon allein das sagen zu können, ist verdammt beeindruckend für einen selber.


    Wie sieht es denn mit Auftritten in der kommenden Zeit aus?


    Da kommt einiges auf uns zu. Wir spielen natürlich auf ein paar Festivals. Dann im September werden die Headliner-Shows folgen. Ein paar Dates mit Type O in England stehen an, und im Oktober sind wir mit Nightwish in den Staaten.


    Nightwish planen schon ihre Touren? Die haben doch noch nicht mal ihre Sängerin bekannt gegeben (das Interview fand Ende April statt).


    Jahaha, das ist momentan das große Geheimnis, das alle lüften wollen. Ich glaube, ich weiß, wer den Job hat, aber ich bin mir nicht 100%ig sicher, also werde ich den Mund halten. Das ist ja alles so aufregend, hihihi.


    Äh, ja. Is klar ...